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Ernst Seidel,

Gürtlermeister und Bijouteriehandwerker

 

Er wurde geboren im böhmischen Gablonz und  war der Sohn einer alteingesessenen Gürtlerfamilie, deren Handwerk den Herkunftsort Gablonz zur Weltmarke machte.

Seine berufliche Ausbildung begann er in seiner Heimatstadt mit einer dreijährigen Gürtlerlehre  in einer renommierten Firma. Zwischen 1932 und 1935 schlossen sich drei halbjährige Spezialkurse für Metalldrucken an der kunstgewerblichen Staatsfachschule in Gablonz an.

Auch beim tschechischen Militärdienst kam seine künstlerische Ader zum Tragen. Er diente in einem Musikkorp und konnte dabei seine Sprachkenntnisse vertiefen. Wie so viele Sudetendeutsche wurde Ernst Seidel gleich 1939 von der Wehrmacht eingezogen.

Über die Musik und Volkstanz lernte er seine spätere Ehefrau Maria Feix aus Morchenstern kennen. Anfang 1941 erfolgte die Eheschließung und Ende des Jahres kam die Tochter Ingrid auf die Welt. Sie erlernte ebenfalls den Gürtlerberuf zuerst beim Vater und dann auf der Fachschule in Neugablonz. Leider ist sie schon im Jahre 2002 verstorben.

Frau und Tochter kamen nach der Vertreibung zuerst in die Zone und dann in das Fichtelgebirge. Ernst Seidel konnte nach Wehrdienst und Kriegsgefangenschaft in Warmensteinach Fuß fassen. Als  Gürtlermeister baute er ab März 1946 bei der Firma Schmugla die Bijouterieabteilung auf. In dieser Zeit war die Rohmaterialbeschaffung extrem schwierig.

Metalle für die Herstellung von Schmuckwaren einzukaufen, war aussichtslos. Vom Bindlacher Flugplatz konnten schließlich Zusatztanks aus Aluminium und Restbestände weiterer Aluminiumgegenstände bezogen werden, die die Abteilung „Metall" für Broschen, Armbänder, Anhänger, Knöpfe und Schnallen verarbeitete. Inzwischen wuchs die Zahl der Metallarbeiter auf sechs an,

Produziert wurde in angemieteten Räumen im ehemaligen Tanzsaal des Gasthofs Löchleinstal,  in einer Werkbaracke der Firma Gablonzer Schmuck- und Glaswarenindustrie und im Saalanbau des früheren Hotels Bergfriede in Oberwarmensteinach.

Von 1949 bis Dezember 1995 führte Ernst Seidel in der Fichtelgebirgsgemeinde seine eigene Firma. Der 1. November 1962 war ein denkwürdiger Tag. An der Löchleinstalstraße  konnte die seine neue Werkstatt mit zahlreichen Maschinen, Automaten und Pressen in Betrieb genommen werden. Ein  Wohnhaus folgte.

Seiner Ehefrau Maria oblagen neben der Buchführung auch der Materialeinkauf und die Kalkulation. Ebenso engagierte sich Ehefrau Maria in großem Maße bei der Landsmannschaft, sowohl in der Ortsgruppe wie in der Kreisgruppe.

Ernst Seidel unterstützte sie dabei mit seinen Lichtbildervorträgen über Themen aus der alten Heimat aber auch mit Berichten von zahlreichen Reisen. Den Betrieb führten Ernst und Maria Seidel bis zum 80. Geburtstag von Ernst Seidel. Mit einer Vielzahl von Farbaufnahmen hat Seidel  seine Erzeugnisse fürdie Nachwelt dokumentiert. Die kunsthandwerklichen Fähigkeiten des Fachmannes sind eindrucksvoll. In kreativer Handarbeit sind zahlreiche Unikate entstanden, die in Oberfranken einmalig sein dürften. Auch von mehreren Museen wurden sie erworben und werden auf der ganzen Welt gezeigt. So verfügt das Gablonzer Industriemuseum in Neugablonz über eine Sammlung hochwertig gestalteter Kreuze aus Warmensteinach.

Die große Sammlung von Werkfotos aus Seidels Werkstatt bildete einen Grundstock des Glasmuseums in Warmensteinach. Mit vielen Helfern "aus dem Glas" entstand daraus ein denkwürdiges Album Warmensteinacher Geschichte, eine Fotosammlung von Glaskunstwerken ebenso wie von Produktionsstätten. Viele Gebäude sind heute verschwunden, alte Fotos ersetzen neue Aufnahmen, und es ist eine Geschichte der Glasmacher im Fichtelgebirge entstanden, die getragen ist von der Erinnerung von Zeitzeugen, Leistungsbelegen und der Geschichte des wachsenden Museums.

Das  Glasmuseum wird noch heute von Maria Seidel geleitet, maßgeblich unterstützt in letzter Zeit  von Gudrun und Helmut Hempel, die beide in der SL und im Heimatverband an führender Stelle mitarbeiten. Vor zwei Jahren Ernst Seidel noch bei recht guter Gesundheit mit seiner Frau die eiserne Hochzeit feiern. In den letzten Wochen der Krankheit wurde Ernst Seidel von seiner ebenfalls hoch betagten Ehefrau liebevoll gepflegt.

Künstler ist im 93. Lebensjahr verstorben.

hh/mm